Zeuge meiner Zeit

Das diesjährige Motto „Ich bin Zeuge meiner Zeit“ soll dazu ermutigen, Öffentlichkeit gegen aktuelle Formen von Rassismus, Intoleranz und Ausgrenzung herzustellen. Es soll aber auch dazu anregen, Zeitzeugen zu befragen, die die Verfolgung durch die Nazis überlebt haben oder stumme Zeugnisse der NS-Geschichte aufzuspüren, um ihnen eine Stimme zu verleihen.

Lebendige Erinnerung

Während die grausamen Verbrechen der Nazidiktatur für die junge Generation oft wenig greifbar wirken und meist nur von schwarz-weiß Fotos bekannt sind, ist bei den überlebenden Zeitzeugen die Erinnerung noch lebendig, welche die Lehren aus der Geschichte unmittelbar verständlich macht. Aber wer fragt sie?

An vielen Orten der Stadt finden sich steinerne Zeugen der Geschichte. Gedenktafeln, Stolpersteine, historische Gebäude und Straßenzüge zeugen von Schauplätzen der Verfolgung und der Deportation, aber auch der Zivilcourage und des Widerstands gegen das NS-Regime. Doch wer kennt heute noch ihre Bedeutungen?

In den Stadtarchiven lagern unzählige Dokumente über Lebensgeschichten, von denen niemand mehr erzählt. Sie bilden stumme Zeugnisse von Menschen, die einst in unseren Kiezen lebten, die von Nachbarn zu Verfolgten und Ermordeten wurden. Von Kindern, die in unsere Schulen gingen, bis sie eines Tages verschwanden. Wer weiß schon um die Schicksale der Vormieter aus der eigenen Altbauwohnung?

Um die Gegenwart beurteilen zu können, ist es wichtig, die Vergangenheit zu begreifen. Dazu braucht es Menschen, die die Zeugen der Geschichte befragen und die Erinnerung lebendig halten.

Gelebte Verantwortung

Auch heute gibt es in Deutschland rechtsextreme Einstellungen, gehören rassistische, antisemitische und homophobe Übergriffe zur Realität. Um ihnen wirksam entgegentreten zu können, ist das Engagement jedes Einzelnen unverzichtbar.

Wir müssen aus den Zeugnissen der Vergangenheit ein Bewusstsein für die historische Bedeutung des eigenen Handelns in der Gegenwart entwickeln. Denn auch heute kann jeder junge Mensch ein Zeuge seiner Zeit sein.
Dazu ist es jedoch notwendig, seiner Zeit aufmerksam und mit geschärften Sinnen gegenüberzutreten.

Denn nur …

… wer seine Augen nicht verschließt vor Demütigung und Ausgrenzung,
… wer nicht weghört, wo Menschen diskriminiert werden,
… wer eine Aussage macht und Rassismus beim Namen nennt,

nimmt die Verantwortung für die Gegenwart an und wird zum Zeugen seiner Zeit.
Eine Zeugenaussage hat dabei den Zweck, bestehendes Unrecht zu benennen, eine Veränderung im Bewusstsein, Handeln und Leben der Menschen zu bewirken und damit der Gerechtigkeit zur Durchsetzung zu verhelfen.