Der Koffer

Der Koffer in Auschwitz

von Olaf Wunder

Der einzige Weg raus aus Auschwitz führt durch den Schornstein des Krematoriums. Ein makabrer Scherz, der damals unter Insassen kursierte. Vor 65 Jahren befreiten sowjetische Soldaten diesen Ort, der die Hölle auf Erden war. Ludwig Louis Bermann aus Hagen gehört zu den 1,1 Millionen jüdischen Todesopfern. Von ihm ist nur ein Koffer übrig geblieben. Nicht einmal ein Foto gibt es. Lediglich ein Phantombild, das das Landeskriminalamt Hamburg aufgrund der Erinnerungen von Bermanns Schwiegertochter hergestellt hat. Saima Bermann ist 87 und die letzte Überlebende der Familie.

30. Oktober 1944. Es ist dunkel, als der Zug quietschend hält. Schäferhunde bellen. Schreie von SS-Männern gellen durch die Nacht. Von überall sind Suchscheinwerfer auf die entkräfteten Menschen gerichtet, die unter Prügel die Viehwaggons verlassen. Wachleute brüllen, dass das Gepäck im Zug bleiben muss. Und Ludwig Louis Bermann stolpert, 58 Jahre alt, ohne seinen Koffer ins Freie, wo dann sofort die Selektion stattfindet. Mit abschätzigem Blick mustert ein SS-Arzt den fast blinden Mann aus Hamburg. Von dessen Entscheidung hängt alles ab. Ob Bermann sofort stirbt. Oder noch ein bisschen leben darf.

Auschwitz heute: eine Gedenkstätte, durch die die Besucher schweigend gehen. Manche weinen. Fragen sich, wie Menschen so etwas fertig bringen. Sie gehen vorbei an stummen Zeugen. An all den Gegenständen, die die Nazis den Juden abnahmen – zur „Weiterverwertung“: Berge von Haaren, Berge von Brillen. Und Berge von Gepäckstücken. Mittendrin: der Koffer von Bermann. Die Ecken sind abgestoßen, die Scharniere verrostet. Aber Bermanns Name ist noch gut lesbar.

Geboren wird Ludwig Louis Bermann 1886 in Schildberg bei Posen (heute Polen) als Sohn eines Kaufmanns. Wann er nach Hagen übersiedelt, ist nicht überliefert. Hier jedenfalls tritt er in die Fußstapfen seines Vaters und beginnt als angestellter Vertreter für Damen- und Herren-Oberbekleidung sowie für Schneidereibedarf zu arbeiten. Später macht er sich selbstständig. 1912 heiratet er die Hagenerin Adele Prein, die Protestantin ist. Nicht alle in ihrer Familie heißen die Ehe mit einem Juden gut. Ein Bruder von Adele Prein ist „national“ eingestellt, wird später Parteimitglied der NSDAP und will von seinem Schwager nichts wissen.

Bermann lebt mit seiner Frau in der Fleyer Straße, einer Gegend, in der viele wohlhabende Juden ansässig sind. 1912, 1915 und 1920 kommen drei Kinder zur Welt: Ilse, Rudi und Anneliese. Ludwig Bermann nimmt am Ersten Weltkrieg teil, wird mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Von 1930 bis 1934 ist die Familie in Bad Pyrmont zu Hause, bewohnt eine prächtige Villa. Unbekannt ist, wieso die Bermanns in den Kurort ziehen. Hofft Adele Prein, die an Krebs erkrankt ist, dort auf fachkundige Behandlung?

Die Nazis kommen an die Macht – und in der Hoffnung, als Jude in der Anonymität der Großstadt nicht so sehr aufzufallen, zieht Ludwig Louis Bermann mit seiner Familie nach Hamburg und mietet im feinen Stadtteil Harvestehude in Alsternähe eine geräumige Wohnung an. Er hat einen Chauffeur, der ihn regelmäßig zu den Kunden in Berlin und im Rheinland bringt. Tochter Ilse wird später erzählen, was für ein liebevoller Familienvater er war. Und sie wird von der riesigen Schallplatten-Sammlung ihres Vaters schwärmen.

Dass der Anfang vom Ende gekommen ist, erkennt Bermann zu spät. Ein Freund versucht ihn zu überreden, in die USA zu emigrieren. Aber er glaubt, dass ihm als Frontsoldat des Ersten Weltkriegs nichts passieren kann. 1935 stirbt seine Frau an Krebs. Weil es immer weniger wagen, mit einem Juden Geschäfte zu machen, geht sein Einkommen dramatisch zurück. 1938 untersagt ihm die Gestapo, sein Ein-Mann-Unternehmen weiter aufrecht zu erhalten. Im selben Jahr erhängt sich in Berlin sein Bruder Berthold. Ludwig Bermann wird kurzfristig von der Gestapo abgeholt und eingesperrt, muss im Hamburger Hafen Zwangsarbeit leisten.

Zur Flucht ist es jetzt zu spät. Weil er mit einer Nichtjüdin verheiratet war, entgeht Ludwig zunächst der Deportation. Sein Alltag ist trostlos. Um zu überleben, verkauft er seinen Besitz. Allen Juden wird das Radio abgenommen, öffentliche Verkehrsmittel dürfen sie nicht mehr benutzen, nicht ins Kino gehen. Von seinen Kindern wird er jetzt gedrängt, doch noch irgendwie das Land zu verlassen. Sohn Rudi fährt heimlich nach Hagen, klopft nachts bei der Verwandtschaft an und bittet um Geld für Tickets nach London. Das Geld bekommt er – aber zu einer Ausreise kommt es nicht.

19. Juli 1942. Bermanns Deportation steht an. Nachts um 3 Uhr muss er sich in der Volksschule Schanzenstraße/Ecke Altonaer Straße im Hamburger Stadtteil Sternschanze einfinden – der Sammelplatz für 771 Juden, die an diesem Tag nach Theresienstadt deportiert werden sollen. Nur zwei aus diesem Transport werden das Kriegsende erleben. Die NS-Propaganda aber behauptet, das tschechische Ghetto sei als Alterssitz für verdiente Juden gedacht. Bermann klammert sich an die Hoffnung, dass das keine Lüge ist, zahlt 1000 Mark für seinen „Heimplatz“ dort.

Doch Theresienstadt, eine alte Garnisonsstadt, erweist sich als Vorhof zur Hölle. Die Gebäude sind überbelegt. Es gibt unzureichend Nahrung. Krankheiten und Seuchen grassieren. Wer das überlebt, der geht noch einmal auf eine Reise. Die letzte. Für den 28. Oktober 1944 steht Bermann auf der Deportationsliste. Zwei Tage braucht der Zug bis Auschwitz. Und dann kennt der SS-Arzt keine Gnade. Als „nutzloser Esser“ wird er selektiert. Gaskammer. Sofort.

Bermann gehört zu den letzten Opfern von Auschwitz. Wenige Tage später, im November 1944, lässt SS-Chef Heinrich Himmler die Krematorien schließen.

Bermanns Kinder überleben das Dritte Reich. Sohn Rudi wird Soldat, dann aber aus rassischen Gründen ausgemustert. Den Töchtern Anneliese und Ilse wird die gewünschte Ausbildung versagt, sie arbeiten als Näherin bzw. als Hausmädchen. Nach dem Krieg zahlt der Staat 4550,40 Mark „Wiedergutmachung“ für den Mord am Vater. „Über das, was geschehen ist, haben alle drei bis zu ihrem Tod nie mehr geredet“, sagt Saima Bermann. „Wenn ich nachfragte, hieß es immer nur: ,Hör auf mit den alten Geschichten. Wir wollen davon nichts mehr wissen.‘“ Verdrängung als Bewältigungsstrategie.