Unsere Zeitzeugin Ruth Recknagel, geb. Schwersenz

Ruth Recknagel mit ihrer Mutter Lucie, April 1933 ©Ruth Recknagel

Ruth Recknagel mit ihrer Mutter Lucie, April 1933 ©Ruth Recknagel

Ruth Recknagel, geb. Schwersenz erblickt am 26. April 1930 das Licht der Welt und wächst mit ihren Eltern Lucie und Alfred Schwersenz in Berlin Neukölln, in der Nähe des Tempelhofer Feldes, auf.

In der Zeit des Nationalsozialismus leiden sie und ihre Familie unter der Verfolgung. Ruth muss als Tochter eines jüdischen Vaters die öffentliche Schule und damit auch viele ihrer Freunde verlassen. Ruth wird ab 1939 durch das Eintragen des Zwangsnamen „Sara“ in der Geburtsurkunde und die Pflicht den gelben Stern auf der Kleidung zu tragen als Jüdin öffentlich gekennzeichnet. Erst nach ihrer Taufe darf sie den gelben Stern 1942 wieder ablegen und von der jüdischen auf eine öffentliche Schule wechseln. Ihre Großeltern und ihr Onkel werden 1942 deportiert und in Konzentrationslagern ermordet. Ihr Vater wird 1943 verhaftet und kommt nur durch die Rosenstraßen-Proteste, an denen Ruth mit ihrer Mutter teilnimmt, wieder frei. Obwohl Ruths Vater Zwangsarbeit leisten muss, überlebt die kleine Familie das NS-Regime in Berlin.

Ruth bleibt trotz der Erlebnisse während des Nationalsozialismus in Berlin, weil sie „aus tiefsten Herzen Berlinerin“ ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg macht sie ihr Abitur und studiert als junge Erwachsene Jura. Sie wird Gründungsstudentin der Freien Universität Berlin und später Direktorin der Wiedergutmachungsämter sowie Richterin in Berlin.

Ruth Recknagel ©Anne Frank Zentrum

Ruth Recknagel, heute ©Anne Frank Zentrum

Heute erzählt sie als Zeitzeugin ihre Geschichte und hofft, dass diese einen Anreiz bietet, sich auch mit den Schicksalen der anderen Opfer des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Beim Jugendforum denk!mal wird Ruth Recknagel als Ehrengast anwesend sein. Sie freut sich darauf, die vielfältigen Ergebnisse der Auseinandersetzung mit unserer gemeinsamen Geschichte beim Jugendforum denk!mal zu sehen und darüber mit den Teilnehmenden ins Gespräch zu kommen.

 

 


Einige Stationen ihres spannenden Lebens haben wir hier für Euch zusammengestellt

– 1930 Geburt von Ruth Schwersenz.

– 1933 Aufnahme des Familienfotos, dass das Motiv des Jugendforums denk!mal ’15 ist. Darauf zu sehen sind: Onkel Fritz, Tante Elisabeth, Großvater Julius, Großmutter Minna, Mutter Lucie, Ruth und Vater Alfred.

– 1938 muss Ruth die öffentliche 28. Volksschule in Neukölln verlassen und wechselt auf die jüdische Joseph-Lemann-Schule in Charlottenburg, weil jüdische Kinder nur noch jüdische Schulen besuchen dürfen.

– Ab Januar 1939 muss Ruth den Zwangsnamen „Sara“ in ihren Dokumenten tragen, zusätzlich muss sie den gelben Stern an ihrer Kleidung tragen.

– Ruths Mutter Lucie tritt am 4. März 1941 aus der jüdischen Gemeinde aus, um ihre Tochter zu schützen. Sie war zum jüdischen Glauben konvertiert, um Ruths Vater heiraten zu können.

– Im November 1941 wird Ruth durch Pfarrer Rackwitz evangelisch getauft.

– Ihre eigene Rettung sieht sie in unmittelbaren Zusammenhang mit ihrer Taufe. „Die Taufe rettete mir 1941 das Leben“. Aufgrund der Taufe wird anerkannt, dass Ruth „Mischling 1. Grades“ ist.

– Im November 1942 wird der Zwangsname „Sara“ aus ihrer Geburtsurkunde gelöscht, außerdem darf sie den gelben Stern ablegen.

– Ruth wechselt daraufhin auf die öffentliche Luise Henriette-Schule in Berlin-Tempelhof.

– 1942 müssen ihre Großeltern Minna und Julius sowie ihr Onkel Fritz in eine sogenannte Judenwohnung ziehen, in der sie zu dritt ein Zimmer bewohnen.

– Ruths Onkel Fritz wird im April 1942 auf der Straße verhaftet und ins Warschauer Ghetto deportiert, weil er seinen gelben Stern nicht trägt. Onkel Fritz stirbt später im Vernichtungslager Trawniki, wann er dorthin kam, ist unbekannt.

– Im August 1942 werden Ruths Großeltern Julius und Minna Schwersenz deportiert.

– Ruths Tante Elisabeth kann nach Japan emigrieren und überlebt.

– Am 17. Februar 1943 verstirbt der Großvater in Theresienstadt.

– Am 27. Februar 1943 wird Ruths Vater im Rahmen der “Fabrikaktion”, durch die Berlin „judenfrei“ gemacht werden soll, vom Arbeitsplatz in die Rosenstraße gebracht. Dort wird er mit ca. 2000 anderen jüdischen Menschen aus “Mischehen” inhaftiert. Die Angehörigen, vorwiegend Frauen, versammeln sich zu Hunderten vor dem Haus der Inhaftierten und demonstrierten für deren Freilassung.

– Nach tagelangem Warten und der Angst, kommt Ruths Vater mit den meisten anderen Inhaftierten frei.

– Gemeinsam mit ihrer Klasse nimmt Ruth ab August 1943 an der Kinderlandverschickung teil und lebt über ein halbes Jahr im Warthegau, heute Okręg Warcki in Polen.

– Ruth kehrt nach Berlin zurück und wird von Pfarrer Rackwitz am 9. April 1944 konfirmiert.

– Ruths Großmutter wird am 14. Mai 1944 von Theresienstadt in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz transportiert und stirbt dort.

– Mit 14 Jahren verlässt Ruth aufgrund ihrer jüdischen Herkunft mit Beendigung der Schulpflicht die Schule und darf keine weiterführende Schule besuchen.

– Ihr wird eine Lehrstelle durch das Arbeitsamt bei der Gräflichen Lippe’schen Steinbruchverwaltung zugewiesen und sie beginnt die Ausbildung zum Industriekaufmann in der Verwaltung.

– Ruth macht nach dem Zweiten Weltkrieg ihr Abitur und studiert als junge Erwachsene in Berlin Jura.

– Sie wird Gründungsstudentin der Freien Universität Berlin.

– Ruth wird später Direktorin der Wiedergutmachungsämter und Richterin in Berlin.