{"id":3596,"date":"2023-02-01T11:09:40","date_gmt":"2023-02-01T10:09:40","guid":{"rendered":"https:\/\/denkmal-berlin.de\/2023\/?post_type=projekt&#038;p=3596"},"modified":"2023-02-01T11:09:41","modified_gmt":"2023-02-01T10:09:41","slug":"ost-arbeiter","status":"publish","type":"projekt","link":"https:\/\/denkmal-berlin.de\/jugendforum\/projekt\/ost-arbeiter\/","title":{"rendered":"Ost-ARBEITER"},"content":{"rendered":"\n<p>Geschichtsperformance nach einer Idee von Marina Schubarth<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hintergrund<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Zweiten Weltkrieg litt die deutsche Industrie an einem Mangel an Arbeitskr\u00e4ften. Um diesen zu beheben, wurden aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten fast sieben Millionen Menschen nach Deutschland verschleppt und zur Zwangsarbeit gezwungen. Mit dieser Arbeit konnte w\u00e4hrend des Verlaufs des Krieges die Wirtschaft aufrechterhalten werden, w\u00e4hrend die Firmen von den billigen Arbeitskr\u00e4ften profitierten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Behandlung der Zwangsarbeiter war durch die Rassenideologie der Nationalsozialisten gepr\u00e4gt. Danach waren Westeurop\u00e4er, u.a. Franzosen und Belgier, die zur Zwangsarbeit verschleppt wurden, generell besser zu behandeln als Osteurop\u00e4er. Am schlimmsten traf es die sogenannten \u201eOST-Arbeiter\u201c. So die offizielle Bezeichnung der aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion Verschleppten. Unter unmenschlichen Bedingungen mussten diese jahrelang in Deutschland arbeiten. Viele von ihnen waren noch Kinder und Jugendliche. Gerade f\u00fcr die \u201eOST-Arbeiter\u201c war das Martyrium mit dem Ende des Krieges noch nicht vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>In der stalinistischen Sowjetunion wurde diesen Menschen Kollaboration mit den Faschisten vorgeworfen, denn sie hatten ja in den Fabriken des Feindes gearbeitet. So wurden sie auch bei ihrer R\u00fcckkehr in der Heimat verfolgt, viele von ihnen auch in den GULAG geschickt.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute leben in der Ukraine noch etwa 600.000 ehemaliger Zwangsarbeiter. Viele davon wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage in der Ukraine in bitterer Armut. Vielfach sind sie, als Folge der Zwangsarbeit in Deutschland, schwer krank und ohne Kinder und Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Diskussion um die Entsch\u00e4digung der Zwangsarbeiter durch die deutsche Industrie brachte diesen Menschen erstmals die erhoffte und dringend notwendige Anerkennung ihres Leides. Mit der Einrichtung der Stiftung \u201eErinnerung, Verantwortung und Zukunft\u201c ist diese Diskussion jedoch auch wieder zum Erliegen gekommen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/denkmal-berlin.de\/2004\/_themes\/balance\/balrule.gif\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Ziele<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Inszenierung sollen Jugendliche an die Thematik der ehemaligen Zwangsarbeiter heran gef\u00fchrt werden. Die Darsteller sind Jugendliche aus acht Nationen. Viele von ihnen kommen vom \u201eClub Dialog e.V.\u201c. Gleichzeitig soll die \u00d6ffentlichkeit weiterhin f\u00fcr das Thema sensibilisiert werden. Ein Ende der Diskussion f\u00fchrt zum Vergessen. Tatsache ist auch, dass auf Grund der<\/p>\n\n\n\n<p>b\u00fcrokratischen Erfordernisse der Entsch\u00e4digungszahlungen f\u00fcr viele der Berechtigten jede Hilfe zu sp\u00e4t kommt. Immerhin sind die ehemaligen Zwangsarbeiter inzwischen alle \u00fcber 70 Jahre alt, teilweise \u00fcber 90.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Auff\u00fchrung wird auf die Arbeit von \u201eKONTAKTE-KOHTAKTbI e.V.\u201c hingewiesen. Der Verein hat es sich zu Aufgabe gemacht, Spendengelder zu sammeln und diese als Soforthilfe an Bed\u00fcrftige ehemalige Zwangsarbeiter in der Ukraine und Russland zu geben. Auf diese Art und Weise konnte in den letzten Jahren vielen dieser Menschen eine dringend ben\u00f6tigte Operation oder sonst unerschwingliche Medikamente bezahlt werden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/denkmal-berlin.de\/2004\/_themes\/balance\/balrule.gif\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Konzept<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00fchrungsort ist eine 1941 durch den Einsatz von Zwangsarbeitern zu einem Luftschutzbunker umger\u00fcstete U-Bahn-Anlage, die sich am Gesundbrunnen in Berlin-Wedding befindet. Betreut wird die Anlage durch den Verein \u201eBerliner Unterwelten e.V.\u201c. In einem Teil dieser Bunkeranlage, auf etwa 1500 qm, wird mit Fotos und Texttafeln eine Ausstellung gezeigt. Diese wird durch die Verbindung mit Lesungen aus Briefen ehemaliger Zwangsarbeiter, szenischen Darstellungen, sowie Soundcollagen und russischen Volksliedern erg\u00e4nzt und erweitert. So entsteht eine Einheit der verschiedenen k\u00fcnstlerischen Ausdrucksformen, die dem Zuschauer einen eigenen, pers\u00f6nlichen Zugang zu Problematik der<\/p>\n\n\n\n<p>Zwangsarbeiter erm\u00f6glicht. Dabei beschr\u00e4nkt sich das Szenario nicht auf die Geschichte der Zwangsarbeiter im Dritten Reich, sondern verfolgt ihren Lebensweg weiter bis zur heutigen, oft<\/p>\n\n\n\n<p>unbefriedigenden Situation nach der Einrichtung der Stiftung der deutschen Industrie.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/denkmal-berlin.de\/2004\/_themes\/balance\/balrule.gif\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Mitwirkende:<\/strong><br><strong>Regie, Choreographie:<\/strong> Marina Schubarth, Natalija Bondar<br><strong>K\u00fcnstlerische Leitung:<\/strong> Inna Artemova<br><strong>Technische Leitung:<\/strong> Ulrike Vetter, Branka Letitsch<br><strong>Regieassistenz:<\/strong> Kay Heyne<br><strong>Technische Unterst\u00fctzung:<\/strong> Berliner Unterwelten e.V.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Darsteller:<\/strong><br>Arthur aus Kasachstan Dennis aus der Ukraine<br>Dadaj und Dschamila aus Tschetschenien Lena aus Jugoslawien<br>Anja aus der Ukraine Jan aus Deutschland<br>Momo aus Deutschland Stephanie aus Deutschland<br>Julia aus Russland Jan aus Deutschland<br>Werner aus Deutschland Maria aus Deutschland<br>Lenin aus Deutschland Branka aus Jugoslawien<br>Ella aus Russland Marcello aus Bolivien<br>Jo-Anne aus Deutschland Anja aus Polen<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/denkmal-berlin.de\/2004\/_themes\/balance\/balrule.gif\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Textausz\u00fcge<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Erinnerung\u2026, manche l\u00f6scht sogar die Zeit nicht aus\u2026 &#8211; das Ged\u00e4chtnis h\u00e4lt diesefest. Ich w\u00fcrde gerne alles vergessen, aber zu vergessen ist es unm\u00f6glich\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 Bis heute wei\u00df ich nicht, ob man uns nun verschenkt oder verkauft hat. Auf jeden Fall kamen wir in die Pulverfabrik der Stadt Sch\u00f6nebeck. Dieser Ort wurde zu unserem neuen Wohn- und Arbeitsort\u2026.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 Das wir uns z.B. beim kleinsten Fehler, in die Luft h\u00e4tten sprengen k\u00f6nnen\u2026 Wir waren vor lauter Hungergef\u00fchl und Schlafmangel v\u00f6llig apathisch geworden\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 Es war den Deutschen doch sowieso egal, wer wir waren, woher wir kamen, was unsere Eltern machten, und was wohl unsere Eltern jetzt, ohne uns durchmachten\u2026 Wir hatten ja nicht einmal einen Namen, sondern nur die Aufschrift \u201eOST\u201c\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 Sp\u00e4ter, mit zwanzig Jahren, konnte keine von uns, die diese H\u00f6lle durchgemacht hatte, mit Gesundheit prahlen. Alle blieben wir ein Leben lang krank. Die Arbeit in Deutschland, in der Pulverfabrik, macht uns psychisch und physisch krank.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 Wir wurden den sowjetischen Soldaten \u00fcbergeben, und damit dem neuen Schrecken. Es folgten grauenhafte und dem\u00fctigende Verh\u00f6re. Beschimpfungen jeglicher Art\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 ich mit meinen 15 Jahren war nicht freiwillig dort, oder weil man mir versprach, in der Pulverfabrik viel Geld zu verdienen! Warum also? Warum mussten Tausende wie ich, die in Deutschland Sklaven waren, nun so viel Leid in der Heimat erfahren?&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 Heute bin ich 76 Jahre alt, lebe von 25 Euro im Monat\u2026 lebe? &#8230; Nein, dass kann man nicht Leben nennen. Ich existiere einfach. Die Arbeit in der Pulverfabrik hat meine Gesundheit g\u00e4nzlich ruiniert\u2026<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"parent":0,"template":"","meta":[],"project_categories":[26,4],"class_list":["post-3596","projekt","type-projekt","status-publish","hentry","project_categories-26","project_categories-projekt-machmal"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/denkmal-berlin.de\/jugendforum\/wp-json\/wp\/v2\/projekt\/3596","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/denkmal-berlin.de\/jugendforum\/wp-json\/wp\/v2\/projekt"}],"about":[{"href":"https:\/\/denkmal-berlin.de\/jugendforum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/projekt"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/denkmal-berlin.de\/jugendforum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/denkmal-berlin.de\/jugendforum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3596"}],"wp:term":[{"taxonomy":"project_categories","embeddable":true,"href":"https:\/\/denkmal-berlin.de\/jugendforum\/wp-json\/wp\/v2\/project_categories?post=3596"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}